Zusammenfassung und Auswertung der Kampagne “Atomstaat stilllegen! weiträumig, unkontrollierbar und renitent”
Die Kampagne
Ausgangspunkt der Kampagne war die Unzufriedenheit vieler Menschen mit den Aktionen vom Transport von 2010. Einige meinten, die Aktionen waren zu berechenbar und nur auf die Schiene konzentriert, andere bemängelten auch die Art der Organisierung. Dank der autonomen Treckergruppen, die 2010 zahlreiche Straßen im Wendland erfolgreich blockiert hatten, haben wir uns an das bewährte Konzept der dezentralen Aktionen erinnert. Mit der Kampagne haben wir einerseits wieder auf weiträumige, unberechenbare und unkontrollierbare autonome Kleingruppen-Aktionen gesetzt und wollten andererseits entschlossene Aktionen anbieten, denen sich viele Gruppen und einzelne Leute anschließen können sollten.
Das Ziel und die Resultate
Im Hinterland
Ziel war es, im Hinterland Straßen und Transportwege weiträumig für die Polizei unpassierbar zu machen, die Infrastruktur zu sabotieren und überhaupt renitent der Besatzungsmacht im Wendland den Aufenthalt so unangenehm wie möglich zu gestalten.
Im Großen und Ganzen sind wir sehr zufrieden mit der Resonanz. So gab es diesmal nicht nur Blockaden südlich der Straßentransportstrecke und das übliche – und diesmal sehr effiziente – Katz- und Mausspiel in der Göhrde, sondern die Blockaden dehnten sich im Laufe der Protesttage auf Straßen, Kreuzungen und Kreisel im gesamten Wendland aus, teils auch auf die Landkreise Uelzen und Lüneburg. Die Räume des Widerstandes wurden prima erweitert und das mit den unterschiedlichsten Mitteln und Aktionsformen: Von ganzen Wohnzimmern auf Dorfstraßen, über Sandverwehungen, quer gestellte Treckern samt Anhängern, umgesägte Bäume, Strohballen und brennende Autoreifen. Im Vorfeld haben wir über Sicherungsmaßnahmen für Blockaden informiert und ihre Wichtigkeit vermittelt, siehe Flyer (http://www.castor2011.org), so dass verantwortungsvoll mit Straßensperrungen umgegangen werden konnte und auch wurde. Entsetzt waren wir, als wir hörten, dass eine Polizeieinheit von AnwohnerInnen beobachtet wurde, wie sie die Absicherungen entfernte, danach verschwand und die Barrikade auf der Straße ungesichert zurück ließ. Zum Glück blieb es nach bisherigen Kenntnisstand nur bei einem Auto mit Blechschaden. Erfreulicherweise gab es einiges neues im Widerstandsrepertoire: drei sogenannte Bombenattrappen (eine mit der Aufschrift „Peng“) sorgten für reichlich Lacher auf unserer Seite und großer Verunsicherung bei den Bullen; die Schiene mit Thermit zum Schmelzen zu bringen war auch nicht schlecht. Und das Gerücht, dass der gesamte digitale Funkverkehr mittels Sabotage von Sonntag bis Ende des Transports zum Schweigen verdonnert wurde, hat uns sehr gefreut. (Hier wären ein paar erklärende Sätze für Nachahmer_innen in entsprechenden Publikationen sehr hilfreich). Übrigens sind die mit Schrauben gespickten Golfbälle niemals als Wurfgeschoss gedacht gewesen (so dramatisierten die Polizeisprecher), sondern sind einfach moderne Krähenfüße zur Absicherung gegen zu schnelle Bullenwagen. Zudem sind sie gut sichtbar und daher bei Aufräumarbeiten im Wald gut zu entdecken.
Bleibt die Frage, was bringen ein quer gestellter Anhänger auf einer Kreisstraße, ein brennender Autoreifen-Stapel auf einer Bundesstraße oder eine Sofa-Party im Kreisel?
Wir sind nach wie vor überzeugt, dass das Konzept richtig ist. Manche Aktionen halten nicht lange, vielleicht eine, im besten Fall drei Stunden, aber immerhin: für diese Zeit war die Besatzungsmacht gezwungen, sich andere Wege zu suchen, brauchte mehr Zeit und war zudem komplett genervt.
Zahlenmäßig wenige Aktionen machen keinen Sinn, blockieren wir aber massenhaft Straßen, werden um so mehr Einheiten beschäftigt. In der Chronologie der Ereignisse sind zahlreiche Aktionen aufgeführt, die sich zumeist von Donnerstag bis zum Montag erstreckten. Vielleicht wäre das Ganze noch effizienter, wenn diese Aktionen koordinierter gelaufen wären, zumal die Zahl der technischen Bulleneinheiten auch nur begrenzt ist. Andererseits haben wir entschieden, über eine grundsätzliche Koordinierung hinaus, den Gruppen selbst zu überlassen, wann, wo und mit welchen Mitteln sie sich an der Kampagne beteiligen. Es wäre schön, wenn wir beim nächsten Mal einfach mehr sind.
An der Schiene
Sehr gefreut hat uns, dass dieses mal viele Aktivistinnen an den Großaktionen „Ralley Monte Göhrde“ und auch an „Ende im Gelände“ beteiligt haben. Mit tausenden Leuten ging es in Klein- oder Großgruppen in den Wald. Hunderte AktivistInnen haben die Göhrde dieses Jahr zu einem wahren Hindernisparcours werden lassen. Meterhohe Barrikaden, Stahlseile und umgesägte Bäume sorgten für ein ordentliches Chaos im Wald. An einigen Stellen an der Schiene wurde auch geschottert. Unser Respekt gilt den sehr entschlossenen Gruppen, die mit Pyros, Böllern, Mollis und ähnlichem der Besatzungsmacht das Fürchten gelernt und anderen so den Weg zur Schiene geebnet haben. Ein abgebrannter Funkmast sorgte für zeitweise Funkstille rund um Leitstade und auch zahlreiche Einsatzwagen kamen für den Rest des Transports nicht mehr zum Einsatz.
Auch die Aktion „Ende im Gelände“am Samstag fanden wir äußerst gelungen. Wieder wurden etliche Barrikaden auf allen Wegen errichtet, kamen entschlossen Pyros und Böller zum Einsatz, die Schiene wurde an mehreren Stellen verbogen. Überhaupt hatten wir den Eindruck, dass viele Gruppen sich schon frühzeitig Gedanken gemacht haben, was im Wendland alles gebraucht werden könnte. Erfreulich, dass sich, wenn sich keine Lücke in der Bullenkette an der Schiene bot, mit geeigneten Mitteln selber eine geschaffen wurde.
Am Sonntagmorgen sah sich der Polizeieinsatzleiter Niehörster dann genötigt in der Tageszeitung „Welt am Sonntag“ über zunehmende Gewaltbereitschaft bei den Protesten zu jammern. Dafür ließen sich „offenbar immer mehr Menschen gewinnen“, so Niehörster. Sehr schmeichelhaft, das war schließlich unser Konzept: verantwortungsvolle Militanz: weiträumig, unkontrollierbar und renitent. Gefreut hat uns noch mehr, dass wir den Zeitgeist getroffen haben und unser Konzept solchen Anklang gefunden hat.
Das Hinterland spricht:
Wir haben das Gefühl, dass das weiträumige Blockade Konzept nicht nur bei autonomen Gruppen Anklang gefunden hat. Das ist an den zahlreichen Aktionen im gesamten Wendland und darüber hinaus zu sehen. Es hat uns gefreut, dass z. B. Küsten oder Waddeweitz, weit ab von der Schiene, immer wieder blockiert wurden. Aber wir sehen die Ergebnisse auch realistisch: die zahlreichen Aktionen sind nicht verwunderlich, denn die Kampagne „Atomstaat stilllegen!“ hat ein altes Konzept aufgegriffen, das sich über die Jahre im Wendland immer weiter radikalisiert hat. Blockaden und Barrikaden vor der eigenen Haustür gehören mittlerweile zum guten Ton jeder lokalen Ortsgruppe. Die Ortsgruppen setzen seit Jahren auf selbstständige und unabhängige eigene Aktionsideen, ohne sich das Label „autonom“ anzuheften. Daher stellen wir fest, ohne die Menschen aus dem Wendland wäre das dezentrale Blockadekonzept nicht so erfolgreich gewesen. Dabei gibt es in unseren Zusammenhang unterschiedliche Einschätzungen und Eindrücke darüber, wie wirksam unsere Aufrufe waren. So sehen einige, dass dem Aufruf aus dem Frühsommer 2011 nur wenige gefolgt sind. Es fand ab dem Sommer kaum eine Aktion im Bundesgebiet statt. Auch einige Zusammenhänge auf den wendländischen Straßen sind vermisst worden. Daraus ergibt sich die Frage, ob bestehende Gruppen keine Lust hatten, sich frühzeitig mit dem Thema zu befassen oder das Konzept als falsch eingeschätzt wurde. Obwohl es sicherlich von den jeweiligen Bedingungen und Voraussetzungen in den Städten und Regionen abhängig ist, müssen wir uns auch an die eigene Nase fassen und uns fragen wie sehr wir die Kampagne politisch vermitteln konnten und den Charme dieses autonomen Konzeptes beispielsweise auf Infoveranstaltungen als ein Teil des Widerstandskonzeptes bewerben konnten. Das bekannte Dilemma zwischen sichtbar und ansprechbar sein und auf der anderen Seite Angst vor Repression zu haben, weil auf militante Aktionen gesetzt wurde, die die gesetzlichen Grenzen der Legalität eindeutig überschreiten, konnten wir nicht auflösen. Um so positiver, dass es Leute gab, die öffentlich über das Konzept gesprochen haben. „Atomstaat stilllegen“ war im Gespräch und auf einer gemeinsamen Pressekonferenz waren wir neben der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, ausgestrahlt, Widersetzen, Castor schottern! und anderen Zusammenhängen vertreten.
Andere hingegen betrachten das rechtzeitige Veröffentlichen eines ersten Aufrufs, die leider unregelmäßig bestückte Internetseite und die folgenden Flyer und Plakate im Herbst als wichtiges und erfolgreiches Mobilisierungsmoment. Wir haben lange nicht so viele entschlossen durchgeführte militante Aktivitäten im Wendland mitbekommen. Wenn auch nicht speziell das dezentrale Blockadekonzept über die Region hinaus Zustrom hatte, war die Kampagne „Atomstaat stilllegen“ präsent. Wir konnten damit militante Politik präsentieren und waren sichtbar als Zusammenhang, der etwas plant und vor Ort sein wird. Unserer Meinung nach konnten wir so viele Leute mit ähnlichen Vorlieben motivieren, im Wendland aktiv zu sein.
Wir alle finden das Konzept nach wie vor richtig, weil wir uns selber organisieren und Verantwortung übernehmen. Und das Ganze hat ordentlich Spaß gemacht und vielleicht geben die zahlreichen Blockaden für andere Gruppen eine Inspiration und machen Lust auf mehr beim nächsten Mal…
Gemeinsam auf zur Schiene
Bei den Camp-Plena wurde entschieden, die „Ralley Monte Göhrde“ am Freitag und „Ende im Gelände“ am Samstag und den „Sturm auf den Castor“ am Sonntag in den Mittelpunkt zu stellen. Dabei war es vielen wichtig, nicht wie beim Transport 2010 ins offene Messer zu laufen, sondern dieses Mal auf Eigenständigkeit zu beharren. Der Kampagnenaufruf, anschlussfähige Großgruppen-Aktionen anzubieten ist dabei nur zeitweise gut aufgegangen. Zwar sind zu den festgelegten Zeitpunkten zahlreiche Groß- und Kleingruppen in den Wald gezogen und einige hatten sich gut vorbereitet: Der abgefackelte Funkmast in der Göhrde, mehrere verbogene Schienenstränge, demolierte Bullenwannen, unterhöhltes Gleisbett und zahlreiche Gleisschuhe sprechen für sich. Wir haben uns selbstbewusst im Wald bewegt. Aber hatten auch das Gefühl, dass sich nach geplanter und ausgeführter Aktion die Gruppen getrennt und in alle Winde zerstreut haben.
In der Einschätzung bewegen wir uns zwischen einerseits „Super, das war besser als sonst“ und andererseits der Frage warum nicht mehr gelaufen ist und ob es der Kampagne an Zeit und Kraft fehlte. Auch hier fragen wir in die Runde: Woran lag es? Zu viel Skepsis gegenüber der autonomen Organisierung? Zu wenig Zeit? Und haben wir mit unserem Konzept Genoss_innen abgehängt? Wir hoffen auf eine weitere Auswertung mit und von anderen Gruppen und ein gemeinsames überlegen, wie es weitergehen kann. Mit diesem Castortransport ist es nicht getan, das wissen wir auch, aber es wäre doch schön, die eine oder den anderen inspiriert zu haben, das vieles möglich ist, wenn wir uns organisieren.
Das Aufsplittern von Aktivist_innen hatte dann auch zahlreiche Übergriffe von Bullen zur Folge. Wir schätzen die Zahl der Verletzten zwar deutlich weniger ein, als beim Transport 2010, wo es tausende Verletzte allein durch Pfefferspray gegeben hat. Allerdings hörten wir diesmal von Bulleneinheiten, die wie wild Jagd auf Kleingruppen weit ab der Schiene gemacht haben und dabei ist es auch zu etlichen schweren Verletzungen gekommen.
Und noch ein Dank an die französischen Genoss_innen:
Wir waren beeindruckt von den Bildern, die gut ausgerüstete und organisierte Aktivistinnen renitent im Tränengasnebel zeigten und waren begeistert, dass trotz der militärischen Übermacht geschottert, Gleise verbogen, Polizeifahrzeuge und Signalanlagen unbrauchbar gemacht wurden. Auch auf der weiteren Fahrt wurde der Transport immer wieder kurz aufgehalten. Wir hoffen, dass wir auch in Zukunft gemeinsam mit unseren französischen GenossInnen einen breiten Widerstand auf die Beine stellen, weiter voneinander lernen und so der international agierenden Atommafia unseren internationalen Widerstand entgegen setzen können.
Wir sehen diesen Text als ersten Schritt einer Auswertung des Castortransportes 2011. Wir sind uns nicht in allen Fragen einig und es schließen sich Fragen an. Für uns ist die Kampagne Teil eines Prozesses. Es wird nicht das einzige Papier aus dem Zusammenhang „Atomstaat stilllegen“ bleiben. Für die weitere Auseinandersetzung, auch um die Schwächen und die Kritik, hoffen wir auf eure Beteiligung.
mit solidarischen Grüßen
„Atomstaat stilllegen“
weiträumig – unkontrollierbar – renitent



